Ist Angst ein Geist?

Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Ängstlichkeit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Timotheus 1:7

Für viele Jahre habe ich diesen Vers fundamentalistisch und fundamental falsch verstanden.

Die Übersetzung

Dies liegt vor allem an den Übersetzungen und der Lehre, die ich erhielt.

Was stört mich an der Übersetzung:

Im ersten Halbsatz wird von einem Geist gesprochen, im zweiten von dem Geist. Das scheint anzudeuten, dass im zweiten Teil ein ganz bestimmter, nämlich – und das ist jetzt Auslegung und Lehre – der Heilige Geist gemeint ist. Dies wird begründet mit der Nennung des Heiligen Geisten in Vers 14.

Eine wortgetreuere Übersetzung wäre aber:

Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Ängstlichkeit, sondern der Kraft, Liebe und Besonnenheit gegeben.

Noch ferner vom Original sind gewisse andere Übersetzungen. Die sprechen von einem Geist der Angst, oder im Englischen sogar von dem Geist der Angst.

Eigentlich wäre Feigheit die treuste Übersetzung. Angst bringt hier etwas ganz anderes ins Spiel: Feigheit ist eine Entscheidung, während Angst eine Emotion ist, die sowohl gut als auch übertrieben sein kann.

Der bestimmte Artikel bringt englisch sprechende Pastoren dazu, aus dem Vers zu schliessen, dass es – sozusagen als Gegenstück zum Heiligen Geist – einen Geist der Angst gibt.

Nach dieser Auslegung hat uns also Gott nicht den Dämonen der Angst, sondern den Heiligen Geist mit seinen guten Eigenschaften gegeben.

Die Ermutigung

Aber worum geht es in diesem Text? Um die Ermutigung des Timotheus.

Paulus erinnert sich an den Glauben, den Timotheus hatte, abgeschaut von seiner Mutter und Grossmutter. Er erinnert den Timotheus an die Gabe, die er durch Händeauflegen erhalten hatte. Und daran, dass Gott uns nicht als Feiglinge geschaffen hat, sondern als starke, liebende, besonnene Wesen. Darum sollte er sich über nichts schämen, auch nicht darüber, die Botschaft weiterzugeben.

Im Griechischen, Deutschen und Englischen kann Geist drei Dinge bedeuten: 1. ganz im Geiste von irgendetwas, 2. ein Geist im Sinne eines Dämons, Engels oder des Heiligen Geistes. Und 3. der Geist des Menschen, sind wir doch Körper, Seele und Geist. Dieser Geist des Menschen ist von Grund auf stark, liebend und besonnen.

Unser Leben, die doch alles andere als perfekten Lebensumstände, unsere Prägung, unsere Überlebensstrategien vergraben diesen Gott-gegebenen Geist des wahren Ichs. Das falsche Ich kann durchaus scheu, ängstlich und feige sein.

Warum bin ich mir sicher, dass es nicht um verschiedene Geister geht in den beiden Vershälften? Weil das Wort „Geist“ nur einmal verwendet wird. Dieser Geist ist also nicht feige, sondern stark. Derselbe Geist. Daher spricht der Vers über den menschlichen Geist, einen Engel oder den Heiligen Geist.

Persönlich glaube ich nicht, dass Paulus es notwenig hätte, den Heiligen Geist in dieser Hinsicht näher zu beschreiben. Er würde auch kaum davon ausgehen, dass Timotheus den heiligen Geist als feige beschreiben würde.

Etwas anders verhält es sich mit Römer 8:15. Hier wird der Heilige Geist beschrieben, um ihn ganz klar vom Gesetz abzugrenzen: Der Heilige Geist ist kein Geist der Knechtschaft, die nur zu Angst führt, sondern ein Geist der Sohnschaft. Doch zurück zu unserem Vers:

Hier ist es viel eher so, dass Paulus dem Timotheus sagen wollte: He, Du bist etwas scheu, manchmal siehst Du Dich sogar als feige, aber Gott hat Dich stark, liebend und besonnen geschaffen. Glaube daran.

Warum ist das wichtig?

Oft wird dieser Vers als Beweis eingebracht, dass es nicht nur einen Geist der Angst gibt, sondern dass Angst ein Geist ist – der Geist der Angst.

Es wird hier ein weiterer Fehler gemacht, der häufig in Predigten gemacht wird, aber der Logik vollständig widerspricht: Selbst wenn es einen Geist der Angst (bleiben wir mal bei diesem Wort) gibt, ist der Umkehrschluss nicht gültig. Nur weil es einen Geist der Angst gibt, muss nicht alle Angst von diesem Geist ausgehen.

Angst ist eine Emotion, die gesund sein kann, wenn ich in Gefahrensituationen weise, zurückhaltend handle oder sogar fliehe – und die dazu notwendigen Energiereserven und das Adrenalin als Reaktion auf die Angst erhalte.

Angst ist eine Emotion, die durch traumatische Erlebnisse vollständig übersteuert und übertrieben reagieren kann.

Und Angst ist eine Emotion, die natürlich in Begegnungen mit Geistern, vor allem Dämonen, auftritt. Wenn es traumatische Erlebnisse, welche Flucht oder Kampf auslösen sollen, gibt, dann gehören auch solche Begegnungen dazu.

Wenn aber Angst eine mehr oder weniger gesunde Emotion ist, ich sie aber dämonisiere, dann gehe ich gerade wegen dieser Dämonisierung anders mit ihr um. Ich bekämpfe sie von dem Moment an, an dem sie auftritt.

Wenn Angst aber ein Dämon ist, dann liegt der Schluss nicht fern, dass dies für alle negativen Emotionen gilt. Also muss Scham ebenso bekämpft werden.

Schuld hat einen anderen Charakter und eine andere Lösung: diese muss offenbar gemacht werden, oder besser die zugrunde liegende Sünde, und wird durch Vergebung getilgt. Schuldgefühle nach der Vergebung allerdings müssen wieder im Keim erstickt und bekämpft werden, und zwar mit der Wahrheit, dass mir vergeben ist.

Bei all dem gilt: gib dem Geist keinen Raum, das wird Dich nur in eine negative Gedankenspirale bringen und zerstören.

Was unterscheidet Schuld von Scham?

Angst und Scham gibt es seit der Schöpfung. Adam und Eva spürten Scham, als ihnen die Augen aufgingen und sie sahen, dass sie nackt waren, und Angst, Gott zu begegnen. Schuld kannten sie noch nicht, wohl aber den Verdrängungsmechanismus der Beschuldigung anderer.

Schuld, so sagt uns die Bibel, gibt es erst mit dem Gesetz. Natürlich, wenn wir die Schöpfungsgeschichte als Sündenfall lesen, dann sind die Emotionen gleich alt. Wenn wir die Schöpfungsgeschichte aber als die Bewusstwerdung des Menschen lesen, interpretiert und niedergeschrieben von Menschen, die das Gesetz kannten, dann sehen wir, dass der Sündenfall so erst mit dem Gesetz interpretiert werden konnte.

Für Scham und Angst gibt es, dem Erkenntnishorizont der Menschen in dieser Zeit entsprechend, nur die Möglichkeit der Verdrängung und die Erklärung durch Geister.

Für die Schuld gibt es das Gesetz und seine Sühne, sei es das Tier-Opfer oder die Vergebung durch das Opfer Jesu.

Was für Folgen hat das Ganze?

Sind jetzt diese Uremotionen Geister und ich muss sie bekämpfen, stelle ich mich ihnen nie. Ich lerne nie, mit ihnen umzugehen. Die Forschung hat gezeigt, dass wir Emotionen nicht einzeln mit verschiedenen Strategien behandeln. Über kurz oder lang bekämpfen wir auch Freude und Liebe mit den gleichen Strategien.

Emotionen, die wir nicht empfinden können, zeigen sich durch Sorge, Beklemmung, bis zu Angstzuständen und Phobien. Dies, englisch als Anxiety bezeichnet, ist keine Emotion, sondern was wir empfinden, wenn wir keine Gefühle wahrnehmen können oder wollen.

Gegen diese Anxiety haben wir dann Verteidigungsmechanismen, wie zum Beispiel das Verdrängen oder das Intellektualisieren, das rationale Erklären. Eine Art der Verteidigung ist das abwehrende Gebet, die geistliche Kampfführung.

Versteh mich nicht falsch: geistliche Kampfführung ist gut, biblisch und richtig, wenn es um Dämonen geht. Aber nicht, wenn es um Emotionen geht. Hier bekämpfen wir uns selbst. Und irgendwann kocht der Kessel über.

Der Umgang mit Emotionen

Wie gehen wir richtig mit Emotionen um? Was ich jetzt sage, könnt Ihr mal anhand der Psalmen nachprüfen. Nur so ein Tip.

  1. Benenne die Emotion. Dadurch existiert sie nicht mehr nur in Deinem Reptilienhirn, entschuldige, dem Stammhirn, wo unsere primitivsten Emotionen herkommen, sondern sie wird mit dem Frontallappen verbunden, dem Sitz der Vernunft. Sie verliert dadurch schon stark an Macht.
  2. Lokalisiere die Emotion in Deinem Körper. Wo fühlst Du sie? Im Bauch, im Herz, im Hals? Diese Handlung lässt Dich die Emotion besser verstehen, bereitet aber auch den nächsten Schritt vor.
  3. Beobachte die Emotion. Lass Dich nicht mitreissen, aber lerne sie kennen. Gib ihr nicht allen Raum, den sie sich nehmen will – das hast Du schon mit Punkt 1 verhindert. Aber nimm sie war, sitze sie aus. Stehe neben Dir und beobachte.
  4. Tue, was notwendig ist: sag z.B. dem gegenüber, dass es nie mehr so mit Dir sprechen dürfe, sondern mit Respekt. Jetzt kannst Du das in Ruhe tun und handelst nicht im Affekt. Vielleicht ist auch eine Entschuldigung angebracht. Vielleicht ist jetzt auch der Zeitpunkt für geistlich Kampfführung. Du wirst es wissen.

Nochmals: Angst ist kein Geist. Angst ist eine Emotion. Eine Emotion ist deine Reaktion auf Situationen oder Gedanken, ein Weg für den Körper und die Seele, auf sich aufmerksam zu machen. Bekämpfe nicht Dich selbst.

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Veröffentlicht am
Kategorisiert in Mein Glauben

Von Ralph Rickenbach

Accompanyist | Pastor in Exile | Iconoclast — I am a Gallup certified CliftonStrengths coach and a Spiral Dynamics practitioner.