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Pastor im Exil

Die Perspektive eines geistlichen Mannes

Der natürliche Mensch aber nimmt nicht an, was der Geist Gottes sagt; denn es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen, denn es wird geistlich unterschieden. Der geistliche Mensch aber richtet über alle Dinge, aber er selbst wird von niemandem gerichtet. Denn wer kennt die Gedanken des Herrn, dass er ihn unterweisen kann? Wir aber haben den Geist Christi.

1. Kor. 2,14-16

Es ist interessant zu sehen, wie viel Theologie in die Übersetzungen dieser Verse eingeflossen ist. Nehmen wir nur die Formulierung „aber er selbst wird von niemandem gerichtet“.

Warum wurde das Wort „gerichtet“ gewählt? Im Griechischen bedeutet das Wort „untersuchen“, „nachfragen“, „eine Frage stellen“ und bekommt nur die Bedeutung „richten, um ein richterliches Urteil zu fällen“, wenn der Kontext es verlangt. Der Grund für die Wahl dieser Übersetzung liegt in der Ansicht, dass:

  • ungeistliche Menschen von Gott gerichtet und am Ende verurteilt werden.
  • geistliche Menschen nicht gerichtet und verurteilt, sondern angenommen werden.

Wenn wir hier wirklich das Wort „richten“ für die Übersetzung wählen, kommen wir sogar in Schwierigkeiten. In diesem Fall würden die geistlichen Menschen alles richten, sogar andere Menschen, während Jesus uns sagt, dass wir nicht richten sollen.

Man könnte nun sagen, dass der Vers den geistlichen Menschen nur auffordert, alle Dinge zu richten, nicht aber die Menschen, aber das Griechische sagt einfach pas, die Gesamtheit oder das Ganze. Alles.

Aber lasst uns den Vers vorher lesen. Er sagt uns, dass der ungeistliche Mensch den geistlichen Bereich nicht empfängt oder erkennt, dass aber der geistliche Mensch alle Dinge, geistliche und materielle, untersucht, erforscht und Fragen dazu stellt.

Das Versprechen lautet, dass der geistliche Mensch nicht selber untersucht (oder in der Übersetzung eben „gerichtet“) wird. Von wem den wird das nicht getan?

Manche Übersetzungen sagen „von keinem Menschen“. Eugene Peterson sagt „von keinem ungeistlichen Kritiker“. Die Bibel ist eigentlich viel radikaler. Sie sagt einfach „von niemandem“. Würde das auch Gott einschließen?

Ich bin neuroatypisch. Ich wurde schon mit Drax von den Guardians of the Galaxy verglichen. Er ist wahrscheinlich auch neuroatypisch. Eines seiner berühmten Zitate ist dieses

Nichts geht über meinen Kopf. Meine Reflexe sind zu schnell. Ich würde es fangen.

Um das Rätsel zu lösen: Drax und ich sind nicht gut mit Metaphern.

Das hat einige große Vorteile.

Viele biblizistische fundamentalistische Christen glauben zwar, dass sie die Bibel wörtlich nehmen, aber das tun sie nicht. Sie legen die Bibel bekanntlich mit all ihrer Theologie und ihren Vorurteilen im Hinterkopf aus, aber eher unbewusst.

Wenn du eine Metapher hörst, entschlüsselst du unbewusst ihre Bedeutung, oder du bist ratlos, wenn du diese spezielle Metapher noch nie gehört hast. Ich muss Metaphern immer bewusst entschlüsseln, und die erste Interpretation, die mir in den Sinn kommt, ist meist die wörtliche, so wie in dem Zitat mit Drax.

Das bedeutet, dass ich es gewohnt bin, einige der Brillengläser zu sehen, mit der ich die Welt betrachte, die von den meisten unbewusst eingesetzt werden. Die meisten Menschen gehen bei der Auslegung unserer obigen Verse sofort und unbewusst zum Gericht am Ende der Zeiten über, wenn sie das Wort richten hören, und stossen nicht einmal auf die Widersprüche, sondern akzeptieren unkritisch die theologischen Entscheidungen der Übersetzer.

Wenn sie darauf aufmerksam gemacht werden, werden sie dir sagen, dass „Gott sein Wort bewahrt hat“ und dass man deshalb den Übersetzungen vertrauen kann. Natürlich nur den Übersetzungen, die sie gutheissen. Sowohl die Volxbibel als auch die Mirrorübersetzung sind fragwürdig, weil sie sich nicht an ihre vorgefassten Meinungen halten.

Wenn ich mir einen Vers anschaue, sehe ich nur die Worte. Wenn ich aus diesen Worten eine Idee herauslese, die der Theologie oder dem herkömmlichen Verständnis anderer Verse widerspricht oder sie erweitert, kann ich den Konflikt oder das Paradoxon in meinem Kopf festhalten und sehen, welche Veränderungen sich daraus ergeben, wenn ich meine neue Einsicht auf diese Verse und Konzepte anwende.

Das gilt nicht nur für Worte. Viele Dinge, die die meisten Menschen verinnerlicht haben und unbewusst tun, tue ich bewusst. Denk nur an das Entschlüsseln von nonverbaler Kommunikation oder an das Lösen dieser visuellen Rätsel, die man in IQ-Tests findet: Welche Figur ergänzt die drei, die du siehst, oder wie sieht diese Figur aus, wenn du sie drehst. Deshalb habe ich bei IQ-Tests auf Zeit keine Chance, mehr als einen IQ von 140 zu erreichen. Gib mir Zeit, und ich werde es lösen. Autismus und Aphantasie gehen Hand in Hand mit intellektueller und phantasievoller Überstimulierbarkeit sowie hoher intellektueller und existentieller Komplexität.

Ja, im Laufe der Zeit habe ich einige Dinge auch verinnerlicht. Ich habe jahrzehntelang hart dafür trainiert, mich zu maskieren und mich anzupassen. Ich bin mehr als glücklich, wenn mich jemand auf diese Dinge hinweist, auch wenn ich zunächst perplex bin. Oft verwechseln die Leute meine Reaktion mit Abneigung, Wut oder Missgunst, aber wie andere auch bin ich einfach nur verwirrt und analysierend. Meistens brauche ich Zeit für mich, um das zu klären, aber fast nie falle ich einfach auf das zurück, was ich vorher geglaubt habe. Ich bin mir bewusst, dass ich für manche Dinge viel Zeit brauche, um mich zu ändern, und bei anderen entscheide ich, dass ich gar nicht so falsch lag.

Warum erzähle ich dir das alles?

Erstens betreibe ich hier Selbstpsychotherapie in der Öffentlichkeit. Es könnte einigen helfen, ihre eigenen Prozesse der Sinnfindung zu entschlüsseln.

Aber ich möchte auch, dass andere mich verstehen. Ich hoffe, dass die Menschen meine Ergebnisse besser akzeptieren können, wenn sie sehen, mit welchen Einschränkungen ich arbeite und welche besonderen Perspektiven ich einbringen kann.

Aber zurück zu den Versen.

Für mich implizieren diese Verse diese Dinge:

Es gibt viel mehr als eine materialistische Welt, und die Menschen, die nicht an die Existenz dieses Mehr, der spirituellen Welt, glauben, verstehen nicht und halten es für töricht, dass es etwas geben soll, das nicht der Materie entspringt.

Diese Menschen stellen nicht einmal Fragen zu diesen Dimensionen, sondern negieren sie einfach, während spirituelle Menschen auch materielle Dinge anders betrachten und deshalb einen tieferen Einblick haben.

Es geht nicht darum, zu urteilen, sondern einen Sinn zu finden. Spirituelle Menschen haben ein viel tieferes Verständnis und neigen dazu, von der multiperspektivischen Interpretation zu einem aperspektivischen, nicht-urteilenden Verständnis zu gelangen, da selbst Gott nicht urteilt und sie nicht verurteilt. Jesus hat es gut ausgedrückt: Er ist zwar die einzige Autorität zum Richten, aber er ist nicht gekommen, um die Welt zu richten.

Meine Gedanken gehen weiter in die Sphären des persönlichen Wachstums:

Mein Ziel ist es, meine eigene Sichtweise zu erweitern, indem ich verschiedene Perspektiven wahrnehme, ohne die eine über die andere zu stellen, denn Gott hat sowohl das Materielle als auch das Geistige geschaffen und mich selbst mittendrin.

Und zwar mit diesem Ziel vor Augen: Ich habe den Geist Christi. Ich kann einen intelligenten Dialog mit Gott führen und ihn sogar beraten. Ich habe seine Perspektive, seine nicht wertende Sichtweise und seine Fähigkeit zu verstehen. Was für ein Privileg.