Schafe

Ich habe gerade im Fernsehen gesehen, dass Schafe geschoren werden MÜSSEN, da deren Wolle immer weiter wächst. Wie konnten die Schafe früher dann überleben, als noch keine Menschen sie geschoren haben?

Dies ist eine Frage aus dem Internet, und hier sind die zwei top Antworten dazu:

Es gibt auch heute noch die Urform unserer Hausschafe – Wildschafe sind z.B. Mufflons oder Urials. Bei denen wird die Wolle allerdings nicht so lang wie bei Hausschafen, sondern bleibt relativ kurz. Als Vorfahr des Hausschafs wird das Mufflon angesehen. Die Zuchtauswahl des Menschen hat langhaarige Schafe bevorzugt, da langhaarige Wolle ertragreicher ist und leichter verarbeitet werden kann. Der Nachteil ist, dass sie schneller filzt. Um die Wolle brauchbar und wenig verfilzt zu erhalten, ist die Schur notwendig. Bei Wildschafen ist dies nicht notwendig, da die Haare nicht so lang werden und nach dem Winter auch Haare ausfallen.

und

Der Mensch züchtet Tiere gerne so, dass sie ihm großen Nutzen bringen. Dass die Tiere alleine gar nicht mehr überlebensfähig wären bzw. leiden, ist ja egal.

Schafe sind also nicht allein lebensfähig, weil wir sie entsprechend gezüchtet haben.

Was hat das nun in einem Blog über Theologie, Bibel und Gemeinde zu suchen?

In Gemeinden werden die Mitglieder oft Schäfchen genannt. Dies kommt daher, dass eines der Ämter des fünffachen Dienstes der Pastor, also der Hirte ist. Er ist auch der Einzige, der in den ersten Jahrhunderten der freikirchlichen Bewegungen wirklich flächendeckend anerkannt war.

Und ein Hirte hat Schafe.

Zusätzlich hat Jesus davon gesprochen, dass der Hirte die 99 Schafe verlassen werde, um das eine verlorene zu suchen.

Es macht also Sinn, dass wir diesen Ausdruck verwenden. Metaphorisch. Aber ich bin davon überzeugt, dass wir zu weit gegangen sind und so mit unseren Mitgliedern genau das gemacht haben, was wir mit domestizierten Schafen gemacht haben.

Wir haben sie heran gezüchtet. Heran gezüchtet, um in den Stühlen und Bänken zu sitzen und der Predigt des Hirten zuzuhören.

Wir sind davon überzeugt, dass unsere Schäfchen allein nicht lebensfähig sind. Sie lesen kaum in der Bibel, vergessen, was sie in der Predigt gehört haben, setzen den christlichen Lebensstil nicht um. Sie brauchen uns Hirten.

Die Bibel selbst sagt uns, dass wir keine Lehrer mehr brauchen, weil jeder von uns den Geist hat.

Wir Pastoren aber glauben lieber Platon, dem Aristokraten, der die Herrschaft der Aristokratie in Athen wieder einrichten wollte. Er war überzeugt, dass es eine Klasse Menschen gäbe, die das Perfekte begreifen. Das Perfekte für ihn war der Staat, die Klasse die Aristokraten. Und er glaubte, dass die Aristokraten dem Rest der Bürger zeigen müsse, wann sie aufzustehen, ins Bett zu gehen hätten, und was dazwischen geschehen müsse.

Nach der Verstaatlichung der Kirche haben Priester Platon adaptiert. Auf den Vorwurf der Einfachheit antworteten sie: Euer eigener Platon hat es vorausgesagt, nur konnte er das wahre Perfekte, die Kirche, noch nicht erkennen.

Und seither ist die Kirche hierarchisch, ein Zweiklassensystem, und die Mitglieder sind Schafe.

Es sind jetzt rund 1700 Jahre Züchtung, die uns hierher geführt haben.

Ich habe eine kleine Geschichte gehört von einem Dreijährigen in der Kita. Er hat dies zu seiner Betreuerin gesagt:

Was denkst Du eigentlich? Du hast mir schon gesagt, das 2 2=4 ist. Warum wiederholst Du das dauernd? Bist Du wirklich der Meinung, ich sei ein dummer Idiot?

Ich erinnere mich daran, einen ähnlichen internen Dialog gehabt zu haben, als ich 4 war und gegen meinen Vater Schach spielte, der meinte, mir die Züge der Figuren immer wieder sagen zu müssen. Ich hatte nur nicht den Mut, das laut auszusprechen. Dafür schlug ich ihn beim dritten Spiel.

Ich erinnere mich auch an all die Gelegenheiten, wenn ich Predigten hörte und innerlich genau das Gleiche sagte.

Wenn ich das meinem Pastorenkollegen mitteilte, hiess es, dass ich halt auch ein Pastor sei, dass aber die Schafe nicht so denken würden. Die müssten regelmässig geschoren und auf den Weideplatz geführt werden.

Jetzt, da ich Pastor im Exil bin, höre ich immer wieder von Mitgliedern und Ehemaligen, wie demütigend das Niveau der Predigten und das ihnen entgegengebrachte Menschenbild in der Gemeinde für sie war und ist.

Es sind immer mehr Menschen, die diesen inneren Dialog führen. Und wir erfahren nichts davon, weil wir sie dahin gezüchtet haben, still in den Reihen zu sitzen und der Predigt zu lauschen.

Es ist nicht so, dass die Menschen nach der Predigt gerne über Alltägliches sprechen, nur Smalltalk führen möchten. Unsere Art zu antworten, unser Menschenbild, unser Kastendenken, unsere ungewollt herablassende Art in einem System von Lehrer und Schüler, Hirte und Schaf lassen sie verstummen.

Oft ist die einzige Möglichkeit der Austritt, und so wird unser Weltbild zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Es bleiben diejenigen, die unserem Bild entsprechen.

Und wir zeigen auf sie und sagen:

Siehst Du, ich hatte recht.

Und in einer Welt von Gut und Böse, Richtig und Falsch ist das alles, was zählt. Als Pastor weiss ich das, Du Schaf.

Ich habe ein Buch veröffentlicht!

Die ungefilterten Gedanken eines Pastors im Exil: Werkzeuge für eine erfolgreiche Dekonstruktion des Glaubens ohne ihn aufzugeben.

Die ungefilterten Gedanken eines Pastors im Exil geben dem Leser, der Leserin einen Werkzeugkasten, der es ihm oder ihr erlaubt, einen neuen Blick auf die Bibel und die Gemeinde zu werfen.

Der Autor beginnt jedes Kapitel mit einer Geschichte aus seinem eigenen Leben, seiner eigenen Gemeinde, um nach der detaillierten Darstellung des jeweiligen Werkzeugs ein Fazit zu heutigen Gemeinden und möglichen Entwicklungen zu ziehen.

Die Werkzeuge, die in diesem Buch betrachtet werden, umfassen Spiral Dynamics, die Theorie der positiven Desintegration, Gemeinschaftsbildung, der Umgang mit Zweifeln, und verschiedene Persönlichkeitstests und Merkmale.