Getrau Dich, Deine Zukunft zu opfern

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Die Zentrifugalkraft von Jesu Beispiel

Das Christentum glaubt, dass die Welt von Gott erschaffen wurde, es aber verpasst hat, ihren Zweck erfüllen. Ich würde das ganz anders formulieren. Alles ist zu einem bestimmten Zweck erschaffen worden, und wir (und damit meine ich den Einzelnen, die Menschheit als Ganzes und das Universum) befinden uns auf einer Reise zu unserem Zweck.

Im Hebräerbrief steht, dass Gott auf viele Arten durch die Propheten gesprochen hat, aber in diesen letzten Tagen durch seinen Sohn. Ich würde dir gerne meine Interpretation dessen geben, was Gott durch Jesus gesagt hat. Bitte habe Geduld mit mir. Ich denke, sie wird anders ausfallen, als du es erwartest.

Von Jesus heisst es, dass Gott, als die Zeit reif war, seinen Sohn sandte. Dieses Aussenden spricht von der Inkarnation (Gott wird Mensch) und dem Gang ans Kreuz. Aber wozu? (Und ich frage nach dem Wozu beider Ereignisse und dem Dazwischen.)

Was brauchen wir als Teenager am meisten? Ich denke, wir brauchen ein Vorbild, das uns zeigt, wie wir die kindischen Dinge hinter uns lassen und erwachsen werden können, während wir das Kindliche in unserem Leben bewahren. Die Menschheit befand sich damals in der Pubertät, und einige waren bereit, ein tieferes Verständnis für den Sinn des Lebens zu entwickeln, als nur zwischen egoistischen und primitiven Trieben (1. Faktor) und dem Gehorsam gegenüber dem Gesetz (2. Faktor) hin- und hergerissen zu sein.

Ich sehe Jesus als Vorbild dafür, wie man ein „gottgefälliges“, sinnvolles, zielgerichtetes, reifes und erfülltes Leben führt.

Ich sehe die Aufgabe der Menschheit und insbesondere des Einzelnen darin, das Göttliche in dieser Welt widerzuspiegeln und sichtbar zu machen. Jesus sagte, dass er nichts getan hat, was er nicht auch den Vater hat tun sehen, und dass jeder, der ihn gesehen hat, den Vater gesehen hat. Empfangen und reflektieren. Deshalb sagt uns die Bibel in der Schöpfungsgeschichte, dass wir nach dem Bilde Gottes geschaffen sind, oder, und das ist eine viel bessere Übersetzung, dass wir das Spiegelbild Gottes sind. Wir könnten sagen, dass Jesus in „Gott im Inneren“ ein Ideal sah, das sich qualitativ von den Lösungen der „Welt“ unterschied. Wir könnten sagen, dass er den 3. Faktor entwickelte und seine sekundäre Integration fand, tot für die Welt und doch sehr lebendig.

Und wie hat Jesus gelebt?

Er wich nie von seinem Ziel ab. Er sprach, er demonstrierte anhand von Beispielen, er lehrte andere, sogar bis zum Tod und zum Tod am Kreuz.

Was hat er erlebt?

Er sah seine Mutter leiden, wurde von einem seiner Freunde verraten, der Geld für die Armen verlangte, nur um es für sich selbst zu verwenden, wurde von all seinen Freunden im Stich gelassen, gefoltert, sein Volk wählte einen verurteilten Verbrecher an seiner Stelle, gedemütigt, verspottet, getrollt und gekreuzigt. Ich bin mir sicher, dass ich ein paar Dinge vergessen habe, aber ich würde sagen, dass er die Mutter aller „Shitstorms“ erlebte und neben dem, dass er „gecancelt“ wurde, wahrscheinlich das meiste, ja sogar alles mögliche menschliche Leid erlitt.

Und trotzdem blieb er seiner Berufung und seiner Bestimmung treu.

So viel wir auch von der Auferstehung halten, und ich weiss, dass sie neben der Jungfrauengeburt (die meiner Meinung nach eine Erfindung der Kirche aus einem falschen moralischen Verständnis von „ohne Sünde“ ist, aber das ist eine Geschichte für ein anderes Mal) wahrscheinlich der grösste Stolperstein ist, das Ergebnis von Jesu Leben war, dass nicht einmal der Tod ihn halten konnte.

Dabei ist es mir egal, ob das wörtlich im Sinne eines Lebens nach dem Tod gemeint ist oder ob er als Fundament der westlichen Kultur und als vielleicht einflussreichste Person, die je gelebt hat, weiterlebt und die Welt zum Besseren verändert hat. Und ich bin mir all der Gräueltaten bewusst, die in seinem Namen begangen wurden, was das Leid, das er für seinen Sinn, seine Berufung überwinden musste, nur noch vergrössert: Er wollte uns ein Beispiel dafür geben, wie man ein wahrhaft menschliches, ja sogar humanes Leben führt.

Ein menschliches Leben zu führen bedeutet also, zu seiner Berufung zu stehen und ihr treu zu sein, was bedeutet, dass wir unsere Berufung erst einmal finden müssen. Und das ist die Reise, auf der wir uns befinden, vom Säugling zum Kind zum Erwachsenen.

Von Jesus wird gesagt, dass er an Weisheit und Gunst bei den Menschen und Gott wuchs. Wir können sehen, dass auch er seine eigene Berufung und Bestimmung finden musste, genauso wie wir es müssen. Aber als die Zeit gekommen war, stand er ohne zu zögern auf.

Wie sähe die Welt aus, wenn wir alle unsere Berufung finden und ihr dann folgen würden?

Lass mich noch eine andere Geschichte erzählen. Du erinnerst dich vielleicht an die Geschichte von Abraham und Isaak. Eines Nachts hörte Abraham die Stimme Gottes, die ihm sagte, er solle seinen versprochenen Sohn mitnehmen und ihn an einem Ort opfern, den Gott ihm zeigen würde. Nachdem sie drei Tage lang unterwegs waren, erreichten sie den Berg Moria und Abraham bereitete das Opfer vor. Bevor er seinen Sohn töten konnte, griff Gott ein.

Ich lasse hier einige Details aus, und wer mehr wissen will, kann in Genesis 22 nachlesen.

Dies ist eine archetypische Geschichte, die die Menschheit auf den Weg bringt, ihre Kinder nicht zu opfern und später überhaupt nichts mehr zu opfern (mit einer Ausnahme). Für mich steht die erste wahrgenommene Stimme Gottes für kulturelle Überzeugungen (2. Faktor). Die Menschen glaubten, dass sie Gott oder die Götter durch Opfer besänftigen müssten (1. Faktor). Das hat der biblische Gott nie verlangt, aber wir finden das Bedürfnis zu opfern schon bei Kain und Abel. Die Bibel holt die Menschen dort ab, wo sie in ihrem Glauben stehen, und stupst sie so weit wie möglich weiter. Im Neuen Testament ist davon die Rede, dass wir uns als lebendiges Opfer hingeben sollen. Es gehört zu einer gesunden Beziehung und ihrem Geben und Nehmen, dass wir Opfer bringen, aber das ist nur ein Teil der Polarität, den Nächsten zu lieben wie sich selbst.

Aber es gibt noch eine andere Seite.

Es geht darum, die eigene Zukunft nicht für das Jetzt zu opfern.

Abraham ist bereit, die verheissene Zukunft der Familie und des Stammes zu opfern, um bei Gott durch gehorsam gut dazustehen.

  • Die Stammeskultur ist bereit, die Zukunft in Form ihrer Kinder zu opfern, um die Götter zu besänftigen.
  • Die Kriegerkultur ist bereit, die Zukunft in Form ihres Volkes zu opfern, um die Götter auf ihre Seite zu ziehen.
  • Der Traditionalismus ist bereit, die Zukunft in Form von Freiheit und Entwicklung zu opfern, um bei Gott Akzeptanz zu finden.
  • Die Moderne ist bereit, die Zukunft in Form unseres Lebensraums zu opfern, um Erfolg und Komfort zu haben.
  • Die Postmoderne ist bereit, die Zukunft in Form derjenigen zu opfern, die Dinge in Frage stellen, um Konsens zu finden.

Isaac steht für seine persönliche Zukunft genauso wie für die Zukunft der Menschheit. Wir können erkennen, dass es immer wieder um die Menschheit geht, z.B. bei der Moderne, da sie unseren Planeten zerstört, und die Postmoderne zerstört unsere Fähigkeit, kritisch und kreativ zu denken, und das wird uns daran hindern, Lösungen zu finden.

Ich hatte heute diesen Gedanken:

Sowohl Jesus als auch Abraham haben ihre Zukunft geopfert, aber es gibt entscheidende Unterschiede.

Schauen wir uns zunächst die Beweggründe an: Beide tun das, was sie tun, teilweise aus Gehorsam und Vertrauen. Aber woher kommt die tiefere Idee oder der Funke?

Uns wird gesagt, dass Abraham den Befehl Gottes hört. Warum glaube ich, dass Abraham tatsächlich auf den kulturellen Glauben und die Interpretation der damaligen Zeit geantwortet hat? In Jer 7,31 lesen wir, dass Gott den Gedanken an Menschenopfer nie in Erwägung gezogen hat. Daraus ergibt sich für mich eine kognitive Diskrepanz, ein Paradoxon, ein Problem.

War es Gott oder war es Abrahams Verständnis von Gott, das ein Opfer verlangte?

Die meisten Menschen werden im Leben von zwei Kräften, zwei Faktoren angetrieben: ihren eigenen primitiven Trieben und Instinkten und dem Gruppendruck, der kulturellen Prägung und Sozialisierung. Ich nenne sie nach Dabrowski 1. und 2. Faktor.

  1. Faktor: unter anderem das Bedürfnis, dazuzugehören, das Bedürfnis nach Frieden und Harmonie
  2. Faktor: die Kultur und die Anforderungen, die unser Umfeld an uns stellt

Aber es gibt noch mehr. Jesus tat die meiste Zeit nichts, um seine eigenen primitiven Bedürfnisse zu befriedigen. Er ging weg, um zu beten und sich zu erholen, zugegeben. Aber der Garten Gethsemane zeigt uns, dass nicht sein Wille ausschlaggebend war.

Er unterwarf sich auch nicht ständig der Kultur seiner Zeit, auch wenn er ein Rabbi wurde, was in seiner Kultur normal war.

Aber war es Gehorsam, der ihn am Kreuz sterben liess? Ja, das war ein Teil davon. Aber da war noch mehr. Es gab noch einen 3. Faktor: das bewusste, selbstbestimmte Gewissen. Es sieht ein Ideal und schreitet darauf zu: ein reifer und selbstbestimmter Mensch im Dialog mit Gott zu werden.

Wie wäre es, wenn wir, anstatt unsere Zukunft unseren egoistischen Zielen zu opfern, uns selbst als lebendiges Opfer hingeben? Dazu könnte gehören, auf einige Dinge zu verzichten, aber auch, sich für Isaak einzusetzen.

Das Beispiel Jesu gibt uns die Zentrifugalkraft, unsere primäre Integration zu verlassen, die auf unseren grundlegenden primitiven Instinkten und Bedürfnissen und den Regeln und Vorschriften beruht, die andere uns auferlegen. Opfere Deine Zukunft nicht, um dazuzugehören. Opfere sie, um zu sein. Sei frei. Sei Du. Sei der Ich Bin.

Inwiefern ist das Beispiel Jesu eine zentrifugale Kraft? Er zeigt uns nicht nur ein Ideal, sondern das Ideal ist nicht unerreichbar, und er sagt uns, wie wir es erreichen können.

Unsere Berufung finden und dann dazu stehen, auch wenn unser Instinkt und unsere Mitmenschen es nicht verstehen.

Nicht jeder kann das von sich aus tun. Manche haben das Zeug dazu, wie Vorreiter, Pioniere und Visionäre voranzugehen, und andere benötigen Vorbilder und ein tolles Umfeld. Ein Wertewandel und ein tolles Umfeld sorgen dafür, dass sich 1. und 2. Faktor neu ausrichten und ebenfalls Zentrifugalkraft entwickeln.

Es ist grossartig, dass es dabei nicht um unseren Zutritt zum Himmel geht, sondern um einen liebenden Vater, der in seine Kinder investiert.

Wir dürfen unsere Berufung finden und dann dazu stehen, auch wenn Instinkt und Mitmenschen sie nicht verstehen.

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